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14. November bis 18. November

 

Liebe blog-Leser,

 

seit bereits 5 Tagen sind wir in Tibet. Momentan sitze ich auf dem Bett in einem fürchterlich schmuddeligen Hotel in Shigatse und lasse mir die Sonne durchs Fenster auf den ausgekühlten Körper scheinen. Ich versuche meine Erlebnisse, Gefühle, Eindrücke der letzten Tage in Gedanken und dann in Worte zu fassen, doch es fällt mir wirklich sehr schwer.

Zum Einstieg kurz auf den Punkt gebracht: Tibet ist genauso faszinierend, wie ich es mir vorgestellt habe, nur noch deutlich härter!!

Die Natur ist einzigartig, die Klöster, Paläste und Tempel sind voller Spiritualität und -zum Teil auch sehr devot- gelebtem Buddhismus, die chinesische Präsenz ist wirklich so gegenwärtig, wie wir das in den Medien erfahren und die Übernachtungsmöglichkeiten sind extrem einfach, so wenig auf Tourismus ausgelegt, dass es schon grenzwertig ist, dafür aber viel zu teuer.

Was uns aber am meisten beschäftigt ist die Höhe und die Kälte. Bevor ich in Lhasa ankam, wusste ich nicht wirklich, was Atemnot ist. Nun weiß ich es. Die erste Nacht konnte ich so gut wie gar nicht schlafen, da ich einfach nicht genug Luft bekam und panisch anfing zu hecheln. Ab dem zweiten Tag begann ich dann täglich Pranayama (Kapalabhati und Anuloma Viloma) durchzuführen und nahm abends ein Globuli Coca, das uns unsere Heilpraktikerin empfohlen hat. Durch das Atemtraining, Coca und viele Yoga-Nidra-Einheiten zum Entspannen wurde es dann langsam besser. Mittlerweile bekomme ich sehr gut Luft und kann auch nachts ohne Globuli schlafen. Was jedoch immer noch unglaublich ist, ist die Reaktion auf ein wenig Belastung, wie Treppensteigen oder Paläste besichtigen. Es ist so verdammt anstrengend und wir schnaufen nach einigen Minuten wie untrainierte, alte Leute. Helmut geht es komischerweise in dieser Hinsicht noch etwas schlechter als mir, obwohl er eine deutlich bessere Kondition hat. Ich führe meine bessere Anpassung auf mein tägliches Yoga, vor allem die täglichen Atemübungen und meine vielen Fasten- und Entschlackungskuren zurück. Es ist schon unglaublich, was diese Höhe (Lhasa liegt auf 3650 m, Shigatse auf 3900 m) mit dem menschlichen Körper macht. In erster Linie entschlackt und entgiftet man nämlich sehr stark, da das Blut basisch wird. Dies führt dann zu diversen Symptomen, wie Kopfschmerz, Schwindel, Schlaflosigkeit, etc. In einem anderen Beitrag werde ich später mal genauere Infos zu den Abläufen im Körper geben und warum Yoga bei Höhenkrankheit Besserung bringen kann.

Ich habe jedenfalls größten Respekt vor Menschen, die hier in Tibet auf dieser Höhe oder noch höher dann auch noch Rad fahren oder klettern!!!

So nun aber zur zweiten Herausforderung, die wir wirklich vollkommen unterschätzt haben: die Kälte. Wir dachten, wenn wir aus Bayern kommen, also Kälte erprobt sind, mit unserer Skiunterwäsche, warmen Klamotten und Schlafsäcken ausgerüstet, dann wird das schon alles passen. Pustekuchen… Als erstes haben wir eine Wärmflasche, ein Thermoskanne und einen Wasserkocher gekauft und werden heute noch eine zweite Wärmflasche kaufen, da mittlerweile abends jeder eine eigene Wärmflasche mit ins Bett nehmen will…

Tagsüber kann es hier in Tibet wirklich total warm werden, in der Sonne fühlt es sich manchmal wie 25 °C an, im Schatten sind es dann aber nur geschätzte 5 ° C und nachts Minusgrade. Die Herausforderung ist, dass kein Hotel, kein Guesthouse und nur wenige Restaurants Heizung haben und die Fenster und Wände sind so schlecht isoliert, dass es extrem kalt reinpfeifft. In den Restaurants findet man dann häufig Heizschwammerl, wie sie bei uns in Biergärten stehen.

Alleine der Flug nach Lhasa, Tibet war ein unglaubliches Erlebnis. Vorbei an 5 8-Tausendern, darunter dem Mount-Everest mit tollem Blick auf die Landschaft Tibets.

Begonnen hat unser Tibet-Abenteuer in Lhasa – Stadt der Göttter, am Fluss Kyi Chu (Glücksfluss) gelegen. Und jeder, der mal den Film „Sieben Jahre Tibet“ gesehen hat, hat bei Lhasa ganz konkrete Bilder im Kopf. Vor allem von dem Potala Palace, dem Winter-Sitz des Dalai Lamas. Und dieser ragt tatsächlich faszinierend über Lhasa. Im Unterschied zum Film sind unterhalb des Palastes zum Teil so richtig hässliche China-Bunker entstanden.

Potala Palace, Wintersitz des Dalai Lama, Lhasa Tibet

 

Den Palast zu besteigen war jedoch eine Tortur… 125 Stufen!!! Noch nicht richtig akklimatisiert kam uns der Aufstieg wie viele 100 m-Läufe vor. Grauenhaft. Manchmal wollte sich mein Kreislauf total verabschieden. Aber irgendwie ging es nach einer kleinen Pause immer wieder. Und trotz aller Strapazen: es hat sich gelohnt!! Der Wintersitz des Dalai Lama. In meiner Phantasie sah ich den Dalai Lama in diesen Räumen wandeln, in den Zimmern meditieren und in der Halle Gäste empfangen. Schade, dass der Geist des Dalai Lama nur in meiner Phantasie diese Räume hier beseelt, in Wirklichkeit aber viele tausende Kilometer entfernt von seiner Heimat

Der mit Abstand spirituellste Ort war für mich der Joghang-Tempel in der wirklich tibetisch ausschauenden Altstadt Lhasas (wurde nach der Zerstörung der Chinesen jedoch komplett neu aufgebaut, aber im alten Stil). Die Altstadt wirkt zwar sehr duster und riecht überall nach ranzigen Butterkerzen, wird jedoch lebendig durch die unglaublich vielen Pilgern, die den Joghang-Tempel (Inner Circle) im Uhrzeigersinn umrunden, als Zeichen ihres Glaubens. Manche tun dies sogar, indem sie sich immer wieder lang auf den Boden werfen und dann eine Körperlänge weitergehen. Überall hörte man das Tibetische-Ur-Mantra „OM MANI PADME HUM“. Jeder murmelte es vor sich hin. In Tibet können die Babys bereits dieses Mantra, bevor sie das erste Wort sprechen können.

Jokhang Tempel, Lhasa Tibet

Pilger aus ganz Tibet mit ihren Gebetsmühlen im Inner-Circle, dem Pilgerweg um den Jokhang-Tempel

 

 

Stark beeindrucken uns immer wieder die Gesichter der Tibeter… die Haut faltig, von der Sonne gegerbt und in verschiedenen traditionellen Kleidern. Jedem einzelnen sieht man sein sehr hartes Leben hier am Dach der Welt an.

 

Mich inspiriert die Spiritualität der Tibeter sehr. Ich habe noch nie so viele verschiedene Buddhas und Boddhisatvas und andere Heilige gesehen, wie hier bei den Besichtigungen. Und ich spüre überall diesen sehr friedlichen und reinen Glauben des Buddhismus.

Ich spüre, dass ich immer mehr das Bedürfnis bekomme zu meditieren und mich in diese hohe Energie der Pilger einzuklinken.

Gerade habe ich begonnen ein wunderbares Buch zu lesen, was mich einer Form der buddhistischen Meditation näher bringen soll: „Die Praxis der Achtsamkeit – Eine Einführung in die Vipassana-Meditation“, geschrieben von Mahathera Henelpola Gunaratana.

Das Buch ist wirklich unglaublich interessant und informativ und ich möchte gerne einige Auszüge mit euch teilen:

„Es gibt eine enorme Zahl verschiedener Richtungen innerhalb des Buddhismus. Aber sie teilen sich in zwei breite Gedankenströme – Mahayana und Theravada. Der Mahayana-Buddhismus ist vorherrschend in Ostasien, prägt die Kulturen Chinas, Koreas, Japans, Nepals, Tibets und Vietnams. Das am weitesten bekannte Mahayana-System ist ZEN. […] Das Theravada-System ist weit verbreitet in den süd- und südostasiatischen Ländern Sri Lanka, Thailand, Burma, Laos und Kambodscha.

Der Buddhismus widmet sich zwei bedeutenden Typen von Meditation. […] Im Pali, der Originalsprache der Theravada-Schriften, werden sie Vipassana und Samatha genannt. Vipassana kann als „Einsicht“ übersetzt werden, eine klare Bewusstheit davon, was im Augenblick vor sich geht, während es geschieht. Samatha kann übersetzt werden als „Konzentration“ oder „Ruhe“. Es ist ein Zustand, in dem der Geist zum Stillstand gebracht, nur auf einen Gegenstand gerichtet wird und nicht umherwandeln darf. Wenn man dies erreicht hat, durchdringt eine tiefe Ruhe Körper und Geist, ein Zustand von Gelassenheit, den man erfahren muss, um ihn verstehen zu können. Die meisten Meditationssysteme betonen die Samatha-Komponente. Der Meditierende konzentriert seinen Geist auf Objekte, wie ein Gebet (Mantra), eine bestimmte Art von Kästchen, Gesang, eine Kerzenflamme, ein religiöses Bild oder was auch immer, schließt alle anderen Gedanken und Wahrnehmungen aus seinem Bewusstsein aus. (Anmerkung der Verfasserin: Diese Methode ist gerade für uns „Westler“ nur mit großer Übung und viel Geduld zu praktizieren). […]

Die Vipassana-Meditation spricht die andere Komponente an: die Einsicht. In der Vipassana-Praxis benutzt der Meditierende seine Konzentration als Werkzeug, mi dem seine Bewusstheit die Wand der Illusion niederreißen kann, die ihn vom lebendigen Licht der Realität abschneidet. […]

Dieses Buch ist eine Einführung zur Erlangung von Achtsamkeit durch reine Aufmerksamkeit auf den ganzen Atmungsprozess und durch dessen klares Verstehen. Während der Meditierende den Atem als primären Brennpunkt der Aufmerksamkeit benutzt, wird er zum teilnehmenden Beobachter des gesamten Universums seiner eigenen Wahrnehmung. Er lernt Veränderungen zu beobachten, die sich in allen physischen Erfahrungen ereignen, in Gefühlen und in Wahrnehmungen. Er lernt seine eigenen geistigen Aktivitäten zu erkunden und die Schwankungen im Charakter des Bewusstseins selbst. […]

Der Dhammapada ist ein alter buddhistischer Text, der Freud Tausende von Jahren vorausging. Er sagt: „Was du bist, ist das Resultat von dem, was du warst. Was du morgen sein wirst, wird das Ergebnis dessen sein, was du jetzt bist. Die Konsequenzen eines bösen Geistes werden dir folgen, wie der Wagen dem Ochsen folgt, der ihn zieht.“

Meditation zielt darauf, den Geist zu läutern. Sie reinigt den Gedankenprozess von dem, was man „psychische Irritationen“ nennen kann, Dinge wie Gier, Hass und Eifersucht, Dinge, die Sie in emotionale Knechtschaft verwickelt halten. Sie bringt den Geist in ein Stadium von Ruhe und Bewusstheit, ein Stadium von Konzentration und Einsicht. […]

Ihr Geist wird still und ruhig. Und ihr Leben glättet sich. So bereitet Meditation – richtig ausgeführt – Sie darauf vor, dem Auf und Ab des Lebens zu begegnen. Sie reduziert Ihre Anspannung, Ihre Angst und Ihre Besorgnis. Unruhe verschwindet und Leidenschaft mäßigt sich. Die Dinge fangen an sich zu ordnen und Ihr Leben wird ein Gleiten statt eines Kampfes. […]

Ein erfahrener Meditierender hat ein tiefes Verständnis für das Leben gewonnen, und folglich begegnet er der Welt mit tiefer und unvoreingenommener Liebe.

Auszug aus: „Die Praxis der Achtsamkeit – eine Einführung in die Vipassana-Mediation“

Ein sehr spannendes Thema. Dann werde ich mich in den nächsten Tagen/Wochen mal regelmäßig hinsetzten und Meditation üben… Und wo könnte ich besser beginnen als in Tibet – dem Dach der Welt.

 

Herzlichst

Eure Sabine

 

 

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